Kaugummi studie psychologie heute
Margaret, die geborene Tochter J. Salingers, wusste als Kind lange Zeit nicht, dass ihr Vater von Beruf Schriftsteller war.
Kaugummi als Lernhilfe
Sie glaubte, er habe gar keinen Broterwerb und tue schlicht und einfach nichts. Keinen Zweifel aber hatte sie daran, dass ihr Daddy ein Soldat war. Salinger war in vielerlei Hinsicht ein widersprüchlicher Charakter. Einerseits menschenscheu, andererseits ein treuer und hingebungsvoller Briefeschreiber und Freund. Wobei wiederum zu bedenken war, so erzählte er seiner Tochter, dass die Menschen, die er am meisten achtete, alle tot waren: im Krieg gefallen.
Salinger war, und zwar nach eigener Aussage, beziehungsunfähig, zugleich blieb er bis ins hohe Alter Frauen mehr als zugetan. Er verachtete den literarischen Betrieb, sorgte sich aber beinahe manisch um seinen geradezu mythenhaften Ruf als Autor des Fängers im Roggen. Buchkritiker Denis Scheck, ein leidenschaftlicher Freund der amerikanischen Literatur , pilgerte einstmals selbst nach Cornish in New Hampshire, um einen Blick auf das sagenumwobene Grundstück des geheimnisvollen Autors zu werfen, der dort abgekapselt von der Öffentlichkeit lebte, keine Zeile mehr veröffentlichte und für den Rest seines Lebens jedes Interview verweigerte.
Dieser Gedanke ist mehr als ein Bonmot, denn Salingers spärliche Veröffentlichungen, von denen die wichtigste, Der Fänger im Roggen , sich mehr als sechzig Millionen Mal verkaufte und ganze Generationen von Lesern und Autoren zutiefst beeinflusste, sind tatsächlich von einer suchenden spirituellen Energie geprägt, die ihre tiefere Ursache vielleicht in Salingers Erlebnissen während des Zweiten Weltkriegs hatte.
Manches spricht dafür, dass Salinger nur scheinbar ins Zivilleben zurückgekehrt, innerlich aber im Krieg geblieben war, genauso wie es ja vielen Soldaten ging, die ihr Leben lang an ihren Traumata litten. Salingers Rückzug war, wenn man so will, eine Sichtbarmachung durch Verdrängung. Der Ort, der Staff Sergeant Salinger für den Rest seines Lebens prägen sollte, war der Hürtgenwald, ein Teil der Nordeifel, südlich von Aachen.
Um jene landschaftlich faszinierende Gegend war so verlustreich und gnadenlos gerungen worden, dass man heute oft liest, der Hürtgenwald sei für die Amerikaner ein erstes Vietnam, aber auch ein Vorgeschmack auf Afghanistan gewesen. Mit Vietnam verband die Nordeifel, dass auch sie einen gigantischen Wald hatte; mit Afghanistan ihre geologische Beschaffenheit als kleinteiliges Gebirge; mit beiden, ein Desaster der amerikanischen Militärgeschichte zu sein.
Eine amerikanische Einheit, die es auch im Hürtgenwald besonders schwer hatte, war das Es wurde immer wieder verschiedenen Divisionen zugeteilt und hatte während der Invasion am 6. Juni zu denjenigen gehört, die den Utah Beach genannten Strandabschnitt in der Normandie zu erobern hatten. Von Männern überlebten bei dieser ersten Aktion gerade mal Unter denjenigen, die die Invasion überlebten, war einer der hoffnungsvollsten Schriftsteller der amerikanischen Literaturszene, ein 25 Jahre alter New Yorker mit jüdisch-katholischen Wurzeln: Jerome David Salinger.
Er war Unteroffizier und hatte im Gemetzel während der Invasion dutzende Freunde verloren. Am Januar hatte er noch seine Mutter, der er strengstens verboten hatte, zu seiner Einschiffung nach Europa zu kommen, halb amüsiert, halb genervt dabei beobachtet, wie sie — sich hinter den Laternen am Hafen versteckend — den Einzug der jungen Männer auf den Truppentransporter USS George Washington verfolgte, unter denen sich auch ihr Sohn befand.
Der war Teil einer Spezialeinheit, von der jeweils zwei Mann jedem Regiment zugeordnet waren: Salinger war beim CIC, dem Counter Intelligence Corps , zuständig für die Beobachtung der eigenen Truppen und ihrer Ansichten über die Kriegsführung. Später sollten die CIC-Leute Kontakt mit der jeweiligen Bevölkerung aufnehmen oder auch deutsche Kriegsgefangene verhören.
Es war eine nachrichtendienstliche Tätigkeit, für die sich Salinger durch seine guten Französisch- und Deutschkenntnisse qualifiziert hatte. Er nahm seine Aufgabe — inklusive der strengen Verpflichtung zur Geheimhaltung — sehr ernst. Immer aber auch gab es da die andere Welt des J. Vor allem schrieb er Kurzgeschichten. Diese ureigene amerikanische Gattung der Literatur hatte es ihm besonders angetan.
Gläserne Gespanntheit und Transparenz der Figurenführung waren ein Markenzeichen seiner Erzählungen. Und er war ungewöhnlich ehrgeizig, ja karrierebewusst. Jede seiner frühen Kurzgeschichten ist ein kleines Meisterwerk aus glasklaren, dennoch überraschenden Bildern und Dialogen, die wunderbar zeitversetzt geführt werden, geschult an der unbestechlich psychologischen Prosa eines F.
Scott Fitzgerald. Während Salinger sich also mit seinem frisch verstärkten Regiment nach der verlustreichen und blutigen Landung durch die Heckenlandschaft der Normandie kämpfte und an der Eroberung der logistisch extrem wichtigen Hafenstadt Cherbourg teilnahm, führte er Korrespondenz mit Redakteuren und Verlagen und schrieb unentwegt, wenn auch in der für ihn typischen zeitlupenartigen Weise an seinen Storys.
Sein Förderer und väterlicher Freund Whit Burnett hatte ihm die Veröffentlichung einer Anthologie seiner Geschichten in Aussicht gestellt, aber noch mehr interessierte sich Burnett für den Roman, an dem Salinger schrieb. Das Manuskript, das der Sergeant aus New York während des gesamten Krieges mit sich führte und an dem er an den unterschiedlichsten Orte arbeitete, würde unter dem Titel The Catcher In The Rye erscheinen und ein Weltbestseller werden.
Die deutsche Erstausgabe, Der Fänger im Roggen , übersetzte übrigens Heinrich Böll. Der Wunsch, ein wirklich berühmter Schriftsteller zu werden, gab ihm die Kraft dazu. So ist es auch nicht verwunderlich, dass das wichtigste Ereignis für Salinger in den ersten Monaten des Krieges nicht militärischer, sondern literarischer Natur war.
Zwei Tage nach der Befreiung von Paris aus der deutschen Besatzung fuhr er aus dem Quartier seines Regiments im Norden der Stadt mit dem Jeep ins legendäre Hotel Ritz, das durch die Präsenz eines Mannes und seiner riesigen Entourage aus befreundeten Fotografen, anderen Autoren und Resistancekämpfern zu einer Art heimlichem amerikanischem Hauptquartier geworden war: Der Mann war Ernest Hemingway.
Der berühmteste Schriftsteller Amerikas war ebenfalls im Juni am Strand der Normandie gelandet, allerdings erst mit der neunten und nicht wie Salinger mit der ersten Invasionswelle. Hemingway war seither, stets hinter der Frontlinie, in Frankreich unterwegs gewesen. Dabei hatte der Draufgänger so gut wie jede für einen US-amerikanischen Kriegskorrespondenten, denn ein solcher war er offiziell, geltende Regel gebrochen.
Ein Tolstoi in den Schatten stellendes Epos sollte es werden, ein amerikanisches Krieg und Frieden. Hemingways Ehrgeiz war also enorm, ebenso wie der des jungen Salinger. In der American Bar des Hotels Ritz treffen zwei literarische Olympier mitten im Krieg aufeinander. Täte ich das nicht, wäre ich in ein Lager für Kriegsdienstverweigerer gegangen und hätte, so lange es eben dauert, die Axt geschwungen.
Ich glaube daran, Nazis zu töten, Faschisten und die Japse, weil es meines Wissens keinen anderen Weg gibt. Allerdings glaube ich auch an die moralische Pflicht aller Männer, die gekämpft haben und noch kämpfen werden, unseren Mund zu halten, sobald es vorbei ist, und nie wieder ein Wort darüber zu verlieren. So endet Salingers Erzählung Der letzte Tag des letzten Urlaubs , die er Hemingway bei ihrer Begegnung im Hotel Ritz zu lesen gab.
Sie war daheim in den USA gerade in einer der auflagenstärksten Zeitschriften erschienen, der Saturday Evening Post. Hemingway, der schon von dem jungen Talent gehört hatte, zeigte sich beeindruckt. Niemals, so das resignierende Fazit von Babe Gladwaller, einer der Figuren aus Salingers Geschichte, könne man Nichtsoldaten, Nichtkriegsteilnehmern schildern, was der Dienst in der Armee wirklich bedeutete.
Trotzdem trennten sich die beiden als Freunde: Hemingway blieb auf der von Gin und Champagner fröhlichen Party im Ritz. Als Salinger und Hemingway sich drei Monate später, im November, am Rande der Schnee-Eifel ein letztes Mal trafen, hatten sich die Verhältnisse radikal gewandelt.
Kaugummikauen macht doch nicht schlau
Die US Army stand, viel früher als geplant, an der deutschen Grenze. Mit mangelhafter Ausrüstung, Sommerkleidung im früh hereingebrochenen Winter, verzweifelten die GIs am unerklärlichen Widerstand der Wehrmacht ebenso wie an der fehlerhaften Strategie ihrer Führung. Ernest Hemingway, der im Oktober nach einer Anzeige wegen seines regelwidrigen Verhaltens vor den Militärstaatsanwalt gekommen war und dadurch sein ganzes bisheriges Material verloren hatte, suchte folglich immer noch nach dem Stoff für seinen Roman.
Er erkannte sehr genau, dass der Hürtgenwald in seiner ganzen verzweifelten Brutalität und Sinnlosigkeit dennoch der Ort war, an dem das neue Amerika, die zukünftige Weltmacht ihr Haupt erhob. Aber Hemingway begriff auch, dass sein literarisches Schaffen, das immer auf das Individuum und sein persönliches Schicksal abzielte, diesen Vorgang nicht länger fassen konnte, denn die death factory des Hürtgenwaldes zermalmte innerhalb von wenigen Nächten ganze Divisionen.
Hier erlebte Salinger einen Winter- und Waldkrieg, wie ihn die Amerikaner noch niemals geführt hatten. Diese meist achtzehn- oder neunzehnjährigen Jungs traten gegen Wehrmachtsveteranen an, die — wie viele von ihnen später sagten — selbst in Russland kaum je ein brutaleres Schlachtgeschehen mitgemacht hatten. Zudem machte Salinger dort Bekanntschaft mit der rücksichtslosen Brutalität auch der eigenen, der amerikanischen Führung.
Diese mühsam in den felsigen Grund der Eifel gegrabenen foxholes , Fuchslöcher, waren der einzige Schutz für die Soldaten, aber da die kleinen Gruben oftmals mit dem eisigen Wasser aus Schnee und Regen vollliefen, die bei Temperaturen um die null Grad tagelang niedergingen, fielen ihnen auch viele Soldaten zum Opfer. Man schätzt, dass mindestens ein Drittel der Gefallenen im Hürtgenwald nicht durch Feindeinwirkung, sondern durch die Witterung und die miserablen Umstände ums Leben kamen.
Viele erfroren schlicht. Inmitten dieses eisigen, von Granaten, Minen, aber auch dem Kampf Mann gegen Mann im dichten Unterholz geprägten Höllenwaldes schrieb Salinger also weiter in jeder freien Minute an seinen Geschichten. Die Geschichte hat den Titel A Boy in France , ein Junge in Frankreich. Er ist beinahe bis zum Tode erschöpft, dreckig, nass und zitternd vor Kälte, da findet er ein verlassenes Schützenloch.
Er kratzt blutige Erdklumpen aus dem Loch, dann legt er sich hinein. Ein Fingernagel ist ihm abgebrochen, es schmerzt schrecklich. Mein Körper wird sauber sein. Eine blaue Krawatte mit Punkten. Einen grauen Anzug mit Nadelstreifen, und ich werde zu Hause sein und die Tür verriegeln. Ich werde Kaffee aufsetzen, eine Platte auflegen und die Tür verriegeln. Als er die Augen wieder aufmacht, hat sich an seiner Situation nichts geändert.
Er ist auf dem Schlachtfeld. Verzweifelt seine Taschen durchwühlend, findet er zuletzt einen Brief von seiner kleinen Schwester, in dem sie ihm neben allerlei schönen, da fernen Alltäglichkeiten einfach schreibt, dass sie ihn vermisse und er bald nach Hause kommen möge. Jeder literarische Text, den Salinger danach schrieb, sollte die Einfachheit, Schlichtheit und Wahrhaftigkeit eines solchen naiven Briefes haben.
Als ob der Autor Salinger in der Hölle des Hürtgenwaldes einen Pakt geschlossen hätte, in Zukunft jeden Text an das eigene traumatisierte Selbst zu richten, das in einem eiskalten, blutbefleckten Schützenloch darauf wartete, aus dem Albtraum des Krieges erlöst zu werden. Nichts Überflüssiges, Verlogenes würde er schreiben, vielmehr sollte jede Zeile diesem Anspruch genügen, vor den Augen des tapfer um sein Leben kämpfenden jungen Mannes im Hürtgenwald bestehen zu können.
Und dafür würde er überleben. Es war ein Pakt mit einer unbekannten Macht, wie aus einem Märchen der Brüder Grimm. Dezember wurde Salingers Regiment aus der Eifel abgezogen. Von Soldaten waren noch übrig. Er überlebte auch dieses Gemetzel, machte später die Befreiung des Konzentrationslagers Dachau mit, wurde weiterhin als Verhörspezialist eingesetzt.
Im Sommer , nach drei Jahren ununterbrochenem Kriegsdienst, erlitt er einen kompletten Nervenzusammenbruch und wurde in ein Krankenhaus im Nürnberger Raum eingeliefert. Es gibt aus dieser Zeit einen Brief an Hemingway, den Salinger aus dem Krankenhaus schrieb. Dies ist eine Schlüsselstelle: Salinger sah offenbar ganz klar, mit welch brutalem Zynismus die Gesellschaften aller kriegführenden Nationen mit ihren heimkehrenden Soldaten umgehen, mit welcher Gnadenlosigkeit der traumatisierte Soldat zum Schweigen verdammt war und sein würde.
Er wollte nicht am Ende als Feigling stigmatisiert werden, als einer, der sich offenbar so durch den Krieg gemogelt habe, weil ja überlebt hatte, während die Gefallenen, die wahren Helden, ihr Leben für die Nation, das Vaterland, die Ideologie gegeben hätten. Der Brief an Hemingway ist auch aus einem anderen Grund höchst eindrucksvoll: Salingers Handschrift hatte sich nach seinem Zusammenbruch so vollständig verändert, als stammte sie von einem vollkommen anderen Menschen.
Erzählt wird die Geschichte von Colonel Cantwell ein sprechender Name, der Oberst Kannnichtgut bedeutet , der im Hürtgenwald eine ganze Division verloren hat und nun depressiv mit einer achtzehnjährigen Italienerin nach dem Krieg durch Venedig zieht. Dieses Scheitern am Hürtgenwald verarbeitete der Altmeister dann allerdings triumphal in Der alte Mann und das Meer.
Fördert Kaugummikauen die kognitive Leistungsfähigkeit - Mythos oder Wahrheit?
Eine grundlegende Deutung muss lauten: Der Mann, der den riesigen Fisch nicht bändigen kann, das ist Hemingway, der am Hürtgenwald scheitert. So hat Ernest Hemingway doch noch einen kleinen Sieg aus seinem Ringen mit dem Wald gezogen, allerdings nicht den, den er erhofft hatte. Eine existenzielle, vieldeutige Fischernovelle — aber nicht das amerikanische Krieg und Frieden.
Jerome David Salinger, der auch in seinem späteren, langen Zivilleben niemals aufgehört hat, sich als Soldat zu fühlen und wie ein Soldat zu denken, der sich den Toten des Krieges verpflichtet fühlte, veröffentlichte seinen lange erwarteten Roman ein Jahr nach Hemingways missglücktem Weltkriegswerk.