Mein zweites ich psychologie

Teilen Multiple Persönlichkeiten: Zersprungene Seele Die dissoziative Identitätsstörung wirkt so unglaublich, dass manche immer noch an ihrer Existenz zweifeln. Langsam enthüllen Forscher jedoch, wie die innere Spaltung entsteht.

Psychologie Heute Compact 66: Meine Wohnung und ich

Mal absolvierte sie eine Mathearbeit fehlerfrei, wenig später reichte es gerade so für eine Fünf. Am einen Tag schrieb sie mit rechts, am nächsten hielt sie den Füller in der linken Hand. Zeitweise waren Buchstaben und Zahlen mit kunstvollen Schnörkeln versehen, dann verschwanden die Ornamente in ihrer Handschrift wieder. Später, nachdem sie ihr Studium begonnen hatte, wunderte sie sich häufig über sich selbst.

Lina realisierte damals noch nicht, dass anderen Menschen nicht immer wieder wie ihr Stunden, Tage oder Wochen fehlen. Dass sie nicht an unbekannten Orten aufwachen, ohne zu wissen, wie sie dort hingekommen sind. Dass sie in ihrer Wohnung nie CDs von Bands finden, die sie eigentlich hassen, oder dass Kellner im Restaurant ihnen keine Gerichte bringen, die sie nie bestellt hätten.

Erst mit 20 erfährt sie, dass sie nicht allein in ihrem Körper ist. Ihre damalige Psychotherapeutin schöpft Verdacht, nachdem die Patientin offenbar keinerlei Erinnerungen an die letzte Sitzung hat. Unter dem früher gebräuchlichen Namen »multiple Persönlichkeit« ist das Phänomen zum festen Bestandteil der Popkultur geworden.

Figuren wie der Frauenmörder Norman Bates aus Alfred Hitchcocks »Psycho« oder der janusköpfige Arzt Dr. Jekyll und sein Alter Ego Mr. Hyde prägen die Vorstellung von der Erkrankung. Während das Stigma vieler psychischer Krankheiten langsam zu bröckeln beginnt, ist die dissoziative Identitätsstörung eine der letzten, für die es noch kaum Verständnis gibt.

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Kompakt, Traumata — Wunden in der Seele Ausgabe als PDF-Download EUR 4,99 Spektrum Kompakt-Archiv Dabei ist die Störung keineswegs selten: Schätzungen zufolge entwickelt sie etwa einer von , Frauen häufiger als Männer. Die Persönlichkeitsspaltung entsteht schon in der frühen Kindheit. Betroffene besitzen laut der aktuellen Version des Diagnostischen Manuals Psychischer Krankheiten DSM-5 mindestens zwei, oft aber viel mehr Identitäten, zwischen denen sie meist unwillkürlich hin- und herwechseln.

Dabei kommt es zu typischen Gedächtnislücken — denn die eine Innenperson, wie eine Teilpersönlichkeit auch genannt wird, kann sich nicht daran erinnern, was die andere getan hat. Viele Betroffene wissen bis zur Diagnose nicht einmal, dass sie sich ihren Körper mit anderen teilen. Auf einen Blick Fragmente des Ichs Etwa einer von Menschen erlebt in der frühen Kindheit ein so schweres und lang andauerndes Trauma, dass sich sein Ich nicht richtig ausbilden kann.

Die Erinnerungen an die Misshandlungen werden abgekapselt und um sie herum entsteht eine eigene Identität. In der Folge zerfällt die Persönlichkeit in weitere Teile. Jedes Fragment wächst zu einer eigenen »Innenperson« heran. Dass mehrere von ihnen in einem Menschen existieren, realisiert der oder die Betroffene oft lange Zeit nicht.

Wie eine gespaltene Persönlichkeit entsteht

Jede Innenperson besitzt ein eigenes Alter und Geschlecht sowie besondere Vorlieben und Ansichten. Oft verändern sich Haltung und Mimik, eine feste und sonore Stimme kann plötzlich zu einem zarten Hauchen werden. Es gibt auch deutliche physische Effekte: Innenpersonen können etwa eigene Allergien haben. Einige sind blind oder gelähmt, während der Rest keine Behinderung hat.

Die Pupillen mancher sind eher klein, die anderer weit gestellt. Betroffene und Therapeuten berichten sogar, sie hätten zuweilen den Eindruck, beim Wechsel ändere sich die Augenfarbe — etwa von einem tiefen Blau zu einem hellen Türkis. Wer das schwer zu glauben findet, ist damit nicht allein. Selbst Teile der Fachwelt sind bis heute skeptisch. Ihre These: Die Medien haben das Krankheitsbild erschaffen.

Dafür spreche der berühmte Fall Sybil — die Geschichte von Shirley Mason, einer Frau aus Minnesota mit angeblich 16 Persönlichkeiten. Nach Erscheinen des Bestsellers »Sybil« im Jahr meldeten sich tausende Amerikanerinnen und Amerikaner, die behaupteten, ihnen ginge es ähnlich wie der Protagonistin. In den er Jahren, als die multiple Persönlichkeit erstmals zur offiziellen Diagnose wurde, wurden es zehntausende — es war ein Hype um eine Krankheit, von der die Öffentlichkeit nicht genug bekommen konnte.

Masons Psychiaterin hatte ihre Patientin offenbar zu entscheidenden Aussagen verleitet und vom Verkauf ihrer Geschichte profitiert. Sie vermuten: Therapeutinnen und Therapeuten, die von der Existenz der multiplen Persönlichkeiten überzeugt sind, suggerierten ihren Patienten falsche Erinnerungen und brächten sie dazu, die innere Spaltung zu spielen, bis sie selbst daran glaubten.

Die Neuropsychologin ist eine von wenigen Fachleuten weltweit, die sich auf die Erforschung der Störung spezialisiert haben. Sie verglichen die Hirnaktivität von 11 Menschen mit der Diagnose mit der von 18 nicht Betroffenen, die einen Persönlichkeitswechsel imitieren sollten. Ein Teil der gesunden Probanden hatte eine besonders stark ausgeprägte Fantasie.

Doch selbst die Imaginativsten unter ihnen konnten nicht das charakteristische Aktivierungsmuster erzeugen, das bei den Patienten auftrat. Nicht einmal professionellen Schauspielern gelingt es, verschiedene Rollen so glaubhaft zu verkörpern, dass Hirnscans sie nicht von jenen mit der Störung unterscheiden können. Der Wechsel betrifft nämlich nicht nur das vordergründige Gebaren.

Es werden unterschiedliche neuronale Netzwerke aktiv, das Gehirn verarbeitet Reize plötzlich anders, und Puls, Blutdruck und sogar die Sehschärfe verändern sich sprunghaft. Das könnte Sie auch interessieren: Spektrum. Besonders schwer wiegen Erlebnisse, bei denen Bezugspersonen die Kleinen absichtlich verletzen.

Dissoziative Identitätsstörung

Solche frühkindlichen Misshandlungen haben eine ausgesprochene Zerstörungskraft, so Yolanda Schlumpf. Typischerweise haben Menschen mit multipler Persönlichkeit sexuellen Missbrauch durch Familienmitglieder erlebt, viele wurden Opfer von ritueller Gewalt, Folter, Vergewaltigung oder Kinderprostitution — nicht selten steckt organisiertes Verbrechen dahinter.

Die Täter In Täterkreisen ist die dissoziative Identitätsstörung bekannt. Teilweise führen sie die Spaltung bewusst herbei, indem sie bestimmte Schlüsselreize verwenden, um weitere Innenpersonen zu erschaffen und diese je nach Situation hervorzuholen. So können sie die Kinder, die sie misshandeln, besser kontrollieren und sicherstellen, dass man ihnen die Traumatisierung im Alltag nicht sofort anmerkt.

Überlebende mit einer dissoziativen Identitätsstörung zeigen die Täter nach ihrem Ausstieg oft nicht an, weil sie sich vor den Konsequenzen fürchten. Selbst wenn sie es versuchen, finden sie selten Gehör. Das Problem: Zeugenaussagen werden nach bestimmten Glaubwürdigkeitskriterien bewertet, die Menschen mit einer dissoziativen Identitätsstörung kaum erfüllen können.

Sie haben Amnesien, was die Taten betrifft, können die Erinnerungsfragmente oft erst nach jahrelanger Psychotherapie zusammensetzen, was vor Gericht als Beeinflussung gedeutet werden kann, und es fällt ihnen besonders schwer, eine kohärente Geschichte zu erzählen. Details möchte sie zum Schutz ihrer Identität nicht verraten. Wenn ich Erinnerungen an die Gewalt hatte, die mir angetan wurde, waren sie vage und unwirklich.

Laut Lina hatten die Täter dort ein Opfer eingeschüchtert, das sich an die Polizei wenden wollte. Was Betroffene erlebt haben, ist so schlimm, dass die Berichte selbst für erfahrene Therapeutinnen und Therapeuten manchmal schwer zu ertragen sind, erzählt Michaela Huber. Sie hat sich auf die Behandlung der dissoziativen Identitätsstörung spezialisiert.

Multiple Persönlichkeitsstörung – Anzeichen und Ursachen

Viele wollen nicht wahrhaben, dass so etwas Grausames tatsächlich passiert. Die Zerrissenheit des Kindes, das die Bezugsperson einerseits liebt, andererseits mit aller Kraft von ihr wegwill, forciere eine innere Spaltung. Wie vieles ist die Fähigkeit, sich als eigenständiges Wesen zu erkennen, schon vor der Geburt in uns angelegt. Um sie zu entwickeln, brauchen wir jedoch Menschen, die sich liebevoll um uns kümmern, sagen Entwicklungspsychologen.

Wer nie eine geschützte Umgebung erlebt hat, wer eine Grausamkeit nach der anderen erduldet und am nächsten Tag trotzdem in die Schule muss, bleibt sozusagen in einzelnen Zuständen stecken. Denn nichts davon passt zusammen. Sie kann gar nicht erst zusammenwachsen«Michaela Huber, Traumatherapeutin Die aktuell vielversprechendste Theorie zur Störung teilt die Innenpersonen in zwei Gruppen ein: die »anscheinend normalen« und die »emotionalen« Persönlichkeitsanteile.

Erstere stemmen den Alltag. Sie haben keine Erinnerung an die Gräuel und können so funktionieren. Letztere sind hingegen die Träger des Traumas. In ihnen bricht sich das Erlebte Bahn, sobald es getriggert wird. Solche Flashbacks ähneln denen von Menschen mit Posttraumatischer Belastungsstörung, bei denen ein Geruch, ein Geräusch oder eine Berührung plötzlich die Erinnerung ungebremst auf die Person einstürzen lässt.

Betroffene spalten das Trauma ebenfalls ab. Das Geschehene wird deshalb nicht normal in das Gedächtnis integriert. Es wird immer wieder losgelöst erlebt — unabhängig von Kontext, Raum und Zeit — und wirkt für den Traumatisierten in dem Moment real und genauso bedrohlich wie damals. Der Ursprung: Unbegreifliches Leid Bei der dissoziativen Identitätsstörung, vermuten die Fachleute, ist diese Abspaltung noch tiefgreifender.

Das Trauma geschieht so früh und ist so schwer, dass sich nicht nur die Erinnerung daran abkapselt, sondern um sie herum eine ganze Identität wächst. Das Unvorstellbare kann nicht Teil des Alltagsbewusstseins sein, sondern muss losgelöst existieren — sicher verpackt in einem anderen Wesen. Die Aufspaltung ist so einerseits eine Störung in der Persönlichkeitsentwicklung, andererseits ein seelischer Schutzmechanismus.

Dissoziation und Trauma Bei der Dissoziation sind psychische Funktionen, die eigentlich zusammengehören, voneinander losgelöst. Eine solche Abspaltung kann die Wahrnehmung, das Gedächtnis oder auch Bewusstsein und Identität betreffen. Menschen dissoziieren vor allem in lebensbedrohlichen Situationen. Dann werden Teile des Erlebten vorübergehend aus dem Alltagsbewusstsein herausgehalten.

Das passiert zum Beispiel, wenn man kurz nach einem Unfall erst keine Schmerzen spürt. Sind Flucht oder Kampf nicht mehr möglich, kann es zum regelrechten Shutdown kommen. Wahrnehmung, Empfinden und Reaktionsfähigkeit werden während dieser Schockstarre heruntergefahren. Bei dauerhafter Gefahr — wenn Kinder ständig Vernachlässigung und Gewalt ausgesetzt sind — wird Dissoziation häufig zum zentralen Überlebensmechanismus.

Die Träger des Traumas erinnern sich an das, was passiert ist. Sie bleiben zum Beispiel Kinder, die tief vom Erlebten erschüttert sind. Manchmal treten emotionale Anteile als Beschützer auf und verteidigen in Momenten echter oder gefühlter Bedrohung »das System«, also den Betroffenen mit all seinen Persönlichkeiten. Solche Innenpersonen sind häufig männliche Teenager.

Er macht Kampfsport, raucht und trinkt seinen Kaffee schwarz. Neben traumatisierten oder unbeschwerten Kindern, jugendlichen Beschützern und unbedarften Alltagspersönlichkeiten gibt es eine weitere Art von Innenperson, die besonders irritiert: Aus ihr scheinen die Täter direkt zu sprechen. Sie sagt Dinge wie »Dass man dir weh getan hat, geschieht dir genau recht.

Du hast es nicht besser verdient«. Sie entstehen, weil sich eine Person unbewusst sogar mit einem Angreifer identifiziert.