Klik psychologen amsterdam
Ihm sind da ein paar Merkwürdigkeiten aufgefallen. Zum Beispiel bei seinen früheren Kollegen. Wenn die dänischen Postboten morgens um fünf die Briefe sortieren, brauchen sie helle Neonbeleuchtung. Doch wenn sie dann ihre Tour beginnen, vergessen sie, das Licht auszuschalten, obwohl die Zentrale ständig zum Energiesparen aufruft.
Die Lampen beleuchten dann stundenlang menschenleere Räume. Geld aus Hansens Budget, denn der ist so etwas wie der oberste Hausmeister der dänischen Post, zuständig für alle Briefverteilzentren im Land. Jetzt hat Hansen eine Idee, wie er die Energieverschwendung verringern kann. Es ist ein Gedanke, der sich gerade wie ein Virus in der westlichen Welt ausbreitet: Verhaltensforscher sollen das Problem lösen.
Es geht um eine neue Methode, die Gesellschaft zu verändern und Politik zu machen. Nicht mit Appellen, Steueranreizen oder Verboten, sondern mit Psychomethoden, die auf unterbewusste Verhaltensmuster zielen. Hansens Vorbild ist das Behavioural Insights Team der britischen Regierung — Spitzname: nudge unit —, das seit von acht auf vierzig Mitarbeiter angewachsen ist.
In Experimenten testen die Forscher, durch welche Anstupser die Bürger mehr Energie sparen, pünktlicher Steuern zahlen oder sich als Organspender registrieren lassen — Kritiker warnen schon vor staatlich sanktionierter Gehirnwäsche. Die Bewerber sollen sich in Psychologie, Anthropologie und Verhaltenswissenschaft auskennen.
In zehn Jahren könnten wir brave Bürger sein, ohne dass wir es merken. So wie die Briefträger in Dänemark. Schmidt ist der Verhaltensforscher, der zusammen mit seinen Kollegen von der Universität Roskilde Dänemark umkrempeln will. Für den nächsten Tag erwartet er Politiker und Wissenschaftler aus aller Welt zum Gründungstreffen des Europäischen Nudging-Netzwerks.
Auch Hansen hat sich angemeldet, und eine hohe Beamtin aus dem deutschen Kanzleramt. Aber nun ist die Post dran. Hansen schenkt Kaffee in Plastikbecher aus und erzählt, wie er vom Nudging-Virus infiziert wurde. Da war dieser Zeitungsartikel über das Müllproblem in Australien. Entlang der Highways häufte sich der Müll — bis Verhaltensforscher auf die Idee kamen, den menschlichen Spieltrieb auszunutzen.
Sie stellten in der Nähe von Ortschaften Tore auf.
Geschichte
Nun hoben sich die Autofahrer ihre Dosen bis zum nächsten Zielwerfen auf. Die Stadtreinigung brauchte nur noch dorthin zu fahren und alles einzusammeln. Er ist ein schmaler Mann mit Bürstenfrisur und Kugelschreiber in der Hemdtasche. Nachdem er mehr über die Nudging-Philosophie gelesen hatte, machte er sich eine Liste. Ziele, die er mit den Werkzeugen der Verhaltensforschung erreichen wollte: dass die Postboten das Licht ausschalten; dass sich die Angestellten in der Kantine gesünder ernähren, denn dann sind sie seltener krank; dass sie den Müll besser trennen und noch einiges mehr.
Hansen ist jetzt seit 25 Jahren bei der Post. Früher kamen Unternehmensberater ins Haus, um den Staatsbetrieb effizienter zu machen. Diesmal kam Karsten Schmidt. Er wählte aus Hansens Liste das Lichtproblem aus, weil Hansen von seinem Kopenhagener Büro aus den Stromverbrauch aller Sortierzentren minutengenau im Blick hat. Schmidt sagt: "Das ist ein Datenschatz. Big Data. Eine zufällig ausgewählte Gruppe wird gestupst, eine Kontrollgruppe nicht.
Nach ein paar Wochen oder Monaten vergleicht man die beiden Gruppen. Früher machten Verhaltensforscher solche Experimente mit Studenten in Universitätslabors. Heute ist die vernetzte Gesellschaft ihr Labor. Die Forscher sind im Paradies angekommen. Das Motiv: Ein emporgestreckter Daumen vor einem Lichtschalter, Hintergrund grün, darüber steht "Klik".
Hansen hat 6. Niemand mache mit dem Daumen das Licht aus, sagt Schmidt, aber das Zeichen ähnele dem Like-Button von Facebook , und die grüne Farbe signalisiere ökologisch erwünschtes Verhalten.
Die Idee mit dem Aufkleber klingt banal, aber das ist nur der Anfang. In der Kontrollgruppe bleibt alles wie bisher. Die zweite Gruppe sieht zweimal pro Woche auf einem Monitor am Eingang eine Botschaft: "Euer Energieverbrauch liegt x Prozent unter eurem Vorjahresbudget. Er hat sich vor einiger Zeit das Buch Schnelles Denken, langsames Denken des Wirtschaftsnobelpreisträgers Daniel Kahneman gekauft.
Auf dessen Ideen basiert Nudging-Politik. Der Mensch lasse sich so verstehen, als würden zwei unterschiedliche kognitive Systeme seine Entscheidungen steuern.
System 1 ist unser Autopilot: das impulsive, emotionale, spontane Selbst. Es arbeitet schnell und intuitiv. System 2 ist das abwägende, planerische, kontrollierende Ich. Es erfordert Konzentration und braucht Zeit. Der Nudging-Guru und Harvard-Professor Cass Sunstein vergleicht System 1 mit Pippi Langstrumpf und System 2 mit Mr.
Spock, dem Ersten Offizier des Raumschiffs Enterprise. Pippi Langstrumpf folgt ihrem Bauchgefühl. Spock denkt logisch, Gefühle sind ihm ein Rätsel. Pippi Langstrumpf und Mr. Spock sind gleichzeitig aktiv und arbeiten meistens gut zusammen, aber manchmal ist Pippi Langstrumpf einfach zu schnell für Mr. Selbsttäuschung und Denkfehler sind die Folge. So schätzen wir kurzfristigen Nutzen höher ein als langfristigen, etwa wenn wir einen günstigen Kühlschrank kaufen, obwohl dieser wegen seines hohen Stromverbrauchs auf Dauer teurer ist.
Wir sind überoptimistisch und verdrängen unbequeme Wahrheiten, wie Studien mit Rauchern zeigen. Nudging-Politik erkennt diese Schwächen — und nutzt sie aus, so wie die Marketingleute der Industrie, nun aber im Auftrag des Staates und mit dem Anspruch, Gutes zu bewirken. Cass Sunstein testete seine Ideen unter der Obama-Regierung: Vier Jahre lang leitete er das Office of Information and Regulatory Affairs, das die Kosten und den Nutzen von Gesetzesentwürfen abwägt.
Er ist überzeugt: Nudging wirkt in vielen Fällen besser als ein neues Gesetz. Die Ikone der Nudging-Bewegung ist die Fliege im Männerpissoir: kam ein Manager am Flughafen Schiphol in Amsterdam auf die Idee, in den Keramik-Urinalen der Herrentoilette eine Fliege über dem Abfluss abzubilden. Das ist zwar übertrieben. Er könne sich jedenfalls an keine derartige Untersuchung erinnern, stellte der Schiphol-Manager später klar.
Heute zeigen Männerpissoirs alle möglichen Zielobjekte, in einer amerikanische Hochschule sogar das Logo der Konkurrenz-Universität. Die Anekdote mit der Fliege ist auf den Konferenzen der Verhaltensforscher immer für ein paar Lacher gut. Die Wissenschaftler werden dafür aber auch belächelt. Können die Nudger noch mehr, als Männer besser pinkeln zu lassen?
Sie können. Zahlreiche Anstups-Ideen haben inzwischen den Praxistest bestanden. Am Flughafen Kopenhagen ersetzten Karsten Schmidt und sein Chef Pelle Hansen die Rauchen-verboten-Schilder durch Rauchen-erlaubt-Zonen. Pippi Langstrumpf mag Gebote lieber als Verbote. Die Zahl der Falschraucher, die vor den Eingängen ihre Kippen verstreuten, sank um 50 Prozent.
In den USA verschickte ein Energieversorger an Pippi Langstrumpf misst sich gerne mit anderen. Der Stromverbrauch sank während des einjährigen Tests um zwei Prozent gegenüber der Vergleichsgruppe. Drei Monate später hatten 83 Prozent der Empfänger ihre Steuern gezahlt. In der Vergleichsgruppe waren es nur 68 Prozent. In einem weiteren Experiment sollten britische Hausbesitzer motiviert werden, ihr Haus zu isolieren.
Trotz Subventionen machten das nur wenige. Die Forscher standen vor einem Rätsel — bis sie feststellten, dass die Bürger davor zurückschreckten, ihren Dachboden für die Handwerker aufzuräumen. Als das Angebot zur Hausdämmung mit einem Entrümpelungsservice verbunden wurde, verdreifachte sich die Nachfrage.
Ein besonders beliebtes Werkzeug der Nudging-Politik sind Default-Regeln, also Voreinstellungen. Die Rutgers University verbrauchte in drei Jahren 55 Millionen Blatt weniger Papier, nachdem sie alle Drucker auf beidseitig drucken umgestellt hatte. Oder bei Organspenden: In Österreich liege die Spenderrate bei fast Prozent, schreibt Daniel Kahneman, in Deutschland bei 12 Prozent.
Der Grund: In Österreich ist jeder ein potenzieller Organspender, wenn er nicht aktiv widersprochen hat. In Deutschland ist niemand ein potenzieller Organspender, wenn er sich nicht aktiv darum kümmert. Diesmal ist nicht Pippi Langstrumpf schuld, sondern, so Kahneman, "die Faulheit von System 2". Ist der Plastikbecher für den Kaffee auch ein Experiment? Nein, sagt Hansen, "wir wollen einfach Geld sparen".
Es ist erstaunlich, wie heftig die Nudging-Politik von unterschiedlichen Seiten kritisiert wird. Amerikanische Konservative lästern ebenso wie der Spiegel über den Nanny-Staat nanny ist englisch für "Kindermädchen". Die FAZ fürchtet einen Anschlag auf die Freiheit: "Schubsen ist Manipulation, Manipulation Bevormundung und Bevormundung entwürdigend.
Steht jetzt die Demokratie auf dem Spiel, nur weil das Finanzamt seine Mahnungen anders formuliert? Der politische Widerstand hat den Vormarsch der Nudger nicht gebremst. Gefährlicher könnte ihnen die Kritik aus der Wissenschaft werden, weil diese die Annahmen des Konzepts infrage stellt.