Buchautorin brandt psychologie hamburg

Zwölf Stunden nach Erscheinen des SPIEGEL versicherte der SPD-Vorsitzende dem Fernsehpublikum der ARD-Sendung »Panorama« am Montagabend letzter Woche, es sei alles gar nicht so gewesen. Und mit Herbert Wehner habe er an dem kritischen Samstagabend des 4. Mai in Münstereifel gar nicht die Frage seines Rücktritts besprochen, wie der SPIEGEL, das Brandt-Buch zitierend siehe Vorabdruck Seite 78 , berichtete, sondern »ein paar Sachfragen«.

Hoffmann und Campe, Hamburg: Seiten: 34 Mark.

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Übereinstimmung zwischen dem kommen wird, was der dem Innenminister unterstehende Verfassungsschutz am Die FDP tat ein übriges, dem sozialdemokratischen Koalitionspartner die Lust an neuer Genscher-Schelte zu nehmen. Umgehend beeilten sich nun die Sozialdemokraten, Genscher zu kalmieren. Mai letzten Jahres gerate in ein schiefes Licht. Erst eine zweistündige Konferenz des jetzigen Nollau-Dienstvorgesetzten, Innenminister Werner Maihofer FDP , mit dem sozialdemokratischen Nollau-Förderer Wehner in dessen Wohnung in der Heiderhofsiedlung oberhalb Bad Godesberg brachte am späten Dienstagnachmittag das Karussell der Verdächtigungen vorübergehend zum Stehen.

Der Verfassungsschützer machte deutlich, es gebe gar keine Differenzen zwischen seiner und Genschers Erinnerung an die kritischen Mai-Tage letzten Jahres. Wie war die Lage? Wäre Brandt Kanzler geblieben, so die Überzeugung seiner Freunde. Freunde, die dazu rieten, mit der Veröffentlichung noch zu warten, beschied Brandt: Nein, er wolle jetzt »von dem Buch loskommen«.

Auch mit dem Vorhalt, vieles hätte unter seiner Führung besser laufen können, hätte er als Kanzler und Parteichef nur energischer durchgegriffen, setzt sich Brandt auseinander. Vier Monate nach seiner Demission und nach der Übernahme der Kanzlerschaft durch Nachfolger Helmut Schmidt schreibt er:. In diesem und jenem Einzelfall mag der Vorwurf nicht unbegründet sein.

Aber im ganzen sage ich euch jetzt, ja gerade jetzt mit Solschenizyn "August Neunzehnhundertvierzehn" : »Nicht die Eile, mit der ein Clown in die Arena stolpert, nicht die Eile, bei der man Schuhe und Hosen verliert. Es gibt ein tief eingewurzeltes, subalternes Verlangen, das Autorität »kraftvoll« bewiesen sehen möchte. Das war nicht meine Art im Amt des Kanzlers.

Es wird weiterhin nicht meine Art als Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands sein. Obwohl sich Brandt ansonsten in seinem Buch geradezu auffällig darum bemüht, seine Solidarität zum Nachfolger Schmidt herauszustreichen, so wird doch klar, wer mit dem eiligen Clown gemeint ist. Denn Brandt setzte noch hinzu, die Härte eines Politikers beweise sich »nicht durch starke Worte«, seine Entschlossenheit »nicht durch kopflosen Aktivismus«, seine Entschiedenheit »nicht durch Brutalität«.

Aktivismus und starke Worte aber zeichnen nur einen aus in der SPD-Führungsmannschaft: Helmut Schmidt, über den auch Herbert Wehner sagte, der neue Kanzler liebe nun mal »forsches« Auftreten. Obendrein kann Aktivist Schmidt, der einen barschen Ton und arrogante Attitüden pflegt, bei seinem Vorgänger nachlesen:. Unfähigkeit zur Achtung des anderen erledigt sich fast immer über kurz oder lang von selber -- in der Verachtung, die man erntet.

Gekränkt setzt sich Brandt auch gegen den Vorwurf zur Wehr, er habe als Kanzler die Reformpolitik, die er versprach, nicht ernsthaft genug betrieben. Minutiös zeichnet er in seinem Buch nach, welche Gesetze unter seiner Regierung verabschiedet oder vorbereitet wurden, von der Änderung des Abtreibungsparagraphen über die Vielzahl sozialpolitischer Verbesserungen bis hin zu Steuerreform, Mitbestimmung, Bodenrecht und Umweltschutz.

Wir haben selbstverständlich auch Fehler gemacht und haben gelegentlich übermächtige Gegenkräfte zur Kenntnis nehmen müssen. Aus meiner Sicht kann es sich bei der Arbeit der letzten Jahre denn auch nur um einen ersten Abschnitt eines umfassenden Prozesses der Erneuerung handeln. Ohne Namen zu nennen, kritisiert Brandt seinen ehemaligen Innenminister Hans-Dietrich Genscher, wenn er etwa auf dem Gebiet der Umweltschutzgesetzgebung von einem »Vollzugsdefizit« spricht.

Der Eingriff war technisch komplizierter, als es die Arzte gedacht hatten. So begannen die Besprechungen über die Fortsetzung der Koalition und über das neue Regierungsprogramm ohne meine volle Mitwirkung. Freunden gegenüber wurde Brandt deutlicher: Er bedauere zutiefst, die Operation nicht aufgeschoben und die Koalitionsverhandlungen nicht selber geführt, sie statt dessen seinen Gegenspielern Schmidt und Wehner überlassen zu haben.

Horst Ehmke, im ersten Brandt-Kabinett Chef des Kanzleramtes: »Willy hat den Wahlsieg in der Wahlnacht schon verspielt. Düpiert glaubte sich Brandt vor allem von Wehner. Frisch operiert, versuchte der Patient von seinem Krankenzimmer in der Bonner Universitätsklinik aus, mit kurzen mündlichen Botschaften und schriftlichen Anweisungen auf die Koalitionsverhandlungen einzuwirken, die derweil von Schmidt und Wehner für die SPD, von Scheel und Genscher für die FDP geführt wurden.

So schrieb Brandt einen fünfseitigen Vermerk mit detaillierten Weisungen zum neuen Regierungsprogramm und zur neuen Regierungsmannschaft. Adressat: Herbert Wehner. Krankenbesucher Ehmke überbrachte Wehner den -- verschlossenen -- Brief mit der ausdrücklichen Kanzlerbitte, das Schreiben auch Helmut Schmidt zur Kenntnis zu geben. Er bat Ehmke, sich bei Wehner nach dem Schicksal seiner Botschaft zu erkundigen.

Der Fraktionschef zeigte sich erschrocken, langte mit zielsicherem Griff in seine Tasche und förderte die Brandt-Epistel zu Tage -- ungeöffnet. Wehner zu Ehmke: Er habe den Brief im Drang der Geschäfte vergessen. So etwa sollten die beiden Brandt-Vertrauten, Kanzleramtsminister Ehmke und Regierungssprecher Conrad Ahlers, ihre Ämter nicht wieder besetzen. Gemeinsam mit Genscher hatte Schmidt überdies das Brandt-Konzept unterlaufen, über das sich der Kanzler bereits mit seinem Vize Scheel verständigt zu haben glaubte: Schmidt das wichtige Finanzministerium zu nehmen und ihn auf das Wirtschafts-Ressort zu beschränken.

Finanzminister sollte Genscher werden. Und schon gar nicht wollte Schmidt Wirtschaftsminister werden. Auf der anderen Seite der Koalitionsbilanz gelang es ihm nicht, die Minusposten Gerhard Jahn, Klaus von Dohnanyi und Lauritz Lauritzen abzubauen. Schlimmer noch: In die von Ehmke geräumte Schlüsselstellung des Kanzleramtschefs zog der Routinegaul Horst Grabert ein.

Schmidt vor dem November: »Nach der Wahl wird abgerechnet. Mit Herbert Wehner, dem anderen Anti-Brandt-Verschwörer, den der Ex-Kanzler ausgemacht zu haben glaubt, gab es nach dem glanzvollen Wahlsieg von überhaupt nichts Verbindendes mehr. Das einzige, worin sie wirklich zusammenstimmten, war der Wunsch, mit einer neuen Ostpolitik das Verhältnis zu den sozialistischen Staaten zu normalisieren und die Beziehungen zur DDR zu entkrampfen.

Wehner lastet Brandt an, dies in Berlin weitergetratscht zu haben: »Acht Wochen nachdem ich das dem Mann erzählt habe, höre ich das auf allen Latrinen. Brandt wiederum kann nicht vergessen, wie Wehner ihn nach der Wahlniederlage behandelt hatte, als der von den Tiefschlägen der CDU! CSU im Wahlkampf zermürbte SPD-Spitzenkandidat resignieren und sich aus der Politik zurückziehen wollte.

Ein Brandt-Freund über jene Aussprache: »Der Wehner hat dem Brandt Wahrheiten gesagt, die man einem Mann mit Selbstachtung nur einmal sagen kann, und dann ist das Verhältnis kaputt. Tatsächlich hätte ich ein Bündnis mit den Freien Demokraten schon damals für gut gehalten -- wenn es möglich gewesen wäre. Heute noch führt er in Gesprächen bissig den »Forschungsminister Brandt« an, wenn er über politische Naivität seines Parteivorsitzenden herzieht.

Brandt aber hatte sich anders entschieden. In seinem Buch berichtet er: Ich bin nicht sicher, ob es jemals gelingen wird, die Geschichte der Nacht, in der sich das neue Regierungsbündnis formte, vollständig zu rekonstruieren. Eine Legende besagt, ich hätte mich in der Wahlnacht des September mit Walter Scheel getroffen und die Koalition schon vereinbart.

Daran ist kein wahres Wort. Scheel verhielt sich ab. Er war nach dem schlechten Abschneiden seiner Partei bedrückt. Scheel hatte mich von meiner Erklärung nicht abgehalten, mir aber auch keine Zusagen gemacht. Brandt wurde Kanzler, und Fraktionschef Wehner tat Menschenmögliches, um die erste Regierung Brandt! Scheel mit ihrer hauchdünnen Parlamentsmehrheit loyal zu stützen.

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Bis zu den Neuwahlen von sei Wehner, so Brandt, sein »wichtigster Minister« gewesen. Danach jedoch war von gegenseitiger Loyalität nichts mehr zu spüren. Wie Brandt seinem Fraktionschef später vorwarf, er habe seine Wünsche bei. Wehner über die ihm widerfahrene Behandlung: »Demütigend. Wehner konterte mit dem Vorschlag, an die Spitze des Präsidiums müsse eine Frau -- irgendeine, jedenfalls kein Mann.

Der freiwillige Verzicht auf das zu besonderer Loyalität verpflichtende Parteiamt aber gab Wehner die Freiheit, seinen Parteivorsitzenden öffentlich zu kritisieren. Denn der Brandt des Jahres schien seine Zugkraft für die Wähler verloren zu haben. Zermürbt von Koalitionskrächen, vom Streit in der eigenen Partei und durch den schleppenden Fortgang der Reformpolitik, dazu seit seiner Stimmbandoperation und wegen des dadurch erzwungenen Rauchverzichts in keiner guten körperlichen Verfassung, fand der Kanzler nicht mehr die Kraft, sich gegen den Verfall seiner Autorität zu wehren.

Ausgerechnet einen Besuch in Moskau im September nutzte der Fraktionschef, um dem Kanzler Führungsschwächen und politische Schwärmerei vorzuwerfen: Die »Nummer Eins« sei »entrückt« und »abgeschlafft«. Damit leitete Wehner den Kanzlersturz ein -- es sei denn, er hätte in Moskau ins blaue gehandelt. Zunächst schien es, als wolle Brandt zurückschlagen. Die Nachricht von Wehners Moskauer Attacken erreichte ihn während eines Amerika-Besuchs.

Zorngeladen brach Brandt die Reise ab und flog zurück nach Bonn. Seinen Reisebegleitern gegenüber, unter ihnen der damalige Sonderminister Egon Bahr, erging er sich in finsteren Drohungen: Wehner sei nun endgültig verrückt geworden und müsse weg. Brandt überlegte, dem noch in der Sowjet-Union weilenden Fraktionschef die Nachricht zukommen zu lassen, er solle die Konsequenzen ziehen und zurücktreten,.

Gleich nach der Ankunft besprach sich Brandt mit seinen Partei-Stellvertretern Helmut Schmidt und Heinz Kühn. Beide rieten dem tief Gekränkten dringend ab, irgend etwas gegen Wehner vor dessen Rückkehr zu unternehmen. Brandt müsse seinem Kritiker wenigstens Gelegenheit geben, sich im persönlichen Gespräch zu rechtfertigen.

Unsicher geworden, bestellte Brandt noch am selben Abend seinen engsten Vertrauten Egon Bahr, dazu die Staatssekretäre Horst Grabert, Günter Gaus und Karl Ravens, in sein Haus auf dem Venusberg.

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Vor allem Bahr bestürmte Brandt, hart zu bleiben und den Fraktionschef zu stürzen. Doch der Kanzler zögerte und beschied die Runde, er wolle die Sache überschlafen. Am anderen Morgen, nach dem Gespräch mit Brandt, blies Bahr den Alarm ab. Sichtlich deprimiert teilte er der Brandt-Crew mit, der Chef wolle nicht mehr -- aus welchen Gründen auch immer.

Das sind wir

Die Abrechnung mit Wehner sei bis auf weiteres aufgeschoben, jetzt gelte es »zu kitten«. Erst im Februar war Brandt dann fast bereit, den aufgeschobenen Wehner-Sturz nachzuholen. Doch Helmut Schmidt riet während eines Gesprächs über ein Revirement in Kabinett und Fraktion seinem Besucher Brandt dringend, Wehner im Amt zu belassen. Aber er traute Brandt nicht mehr zu, das Revirement durchzusetzen.

Schmidts Einschätzung war richtig, Herbert Wehner war der stärkere der beiden Kontrahenten. Nach schweren Einbrüchen der SPD bei Landtags- und Kommunalwahlen, nach dem Absacken der Sozialdemokraten in der Wählergunst unter die Prozent-Marke reichte die Guillaume-Affäre, den Kanzler zur Amtsaufgabe zu bewegen. Denn Helmut Schmidt, der die Brandt-Vorwürfe nutzen könnte, um nun den Sturz des schwer berechenbaren SPD-Fraktionsvorsitzenden einzuleiten, ist an einer solchen Aktion nicht interessiert.

Eine These der Ermittler: Der Agent könne bereits bei seinem Eintritt in das Kanzleramt als Hilfsreferent im Jahre durch die Sicherheitsüberprüfung gewarnt und abgeschreckt worden sein.