Allianz bedeutung psychologie
In Psychologie, Sozial- und Geisteswissenschaften ist ein Trend hin zur Anerkennung der Rolle des Körpers bei kognitiven Prozessen Embodiment zu beobachten. Implikationen des Embodiment-Ansatzes werden dargestellt sowie auf soziale und therapeutische Interaktion erweitert. Welche Folgerungen müssen für ein Verständnis psychotherapeutischer Wirkfaktoren gezogen werden?
Vor dem Hintergrund von Embodiment wurde eine theoretische Analyse zum zentralen allgemeinen Wirkfaktor der Psychotherapie — der therapeutischen Allianz — durchgeführt und eine Literaturübersicht erstellt. Die therapeutische Allianz kann als eine Form von Koordination und Synchronie operationalisiert werden.
Die gegenwärtige Psychotherapieprozessforschung hat bereits vielfältige Belege für das signifikante Auftreten von Synchronie in der Klient-Therapeut-Beziehung erbracht. Gefunden wurde auch, dass Synchronie mit Einschätzungen der Beziehungsqualität und dem Therapieerfolg assoziiert ist. Die verschiedenen Ebenen und Zeitskalen solcher Synchronie werden im InSync-Modell zusammengefasst. Die für die Synchronie notwendigen Datenerhebungen und Berechnungen sind durch neue Technologien und methodologische Entwicklungen möglich geworden und können auch in naturalistischen Studien eingesetzt werden.
Embodiment in der therapeutischen Kommunikation
Limitationen bestehen durch die Vielfalt der Algorithmen und Fragen der Validität. Die Erweiterung der Methodologie auf multivariate Zeitreihen wird vorgeschlagen. A trend towards recognition of the role of the body in cognitive processes embodiment can be observed in the current discussion in psychology, social sciences and humanities. The implications of the embodiment approach are presented and extended to social and therapeutic interactions.
Which conclusions must be drawn for an understanding of common factors of psychotherapy? Against the background of embodiment a theoretical analysis of the core common factor of psychotherapy, the therapeutic alliance, was carried out and a literature review was compiled. The therapeutic alliance can be operationalized as a form of coordination and synchrony. Current psychotherapy process research has already found ample evidence for the significant occurrence of synchrony in the client-therapist relationship.
Additionally, synchrony was also shown to be associated with estimations of relationship quality and therapy success. The various levels and time scales of such synchrony are summarized in the InSync model. The data acquisition necessary for detecting synchrony in psychotherapy has become increasingly accessible due to technoligical and methodological developments and can be implemented in naturalistic studies.
The large number of algorithms and validity concerns are still limitations. Extension of the methodology to multivariate time series is suggested. Reziprozität und Verschränkung von Psyche und Körperlichkeit — begrifflich gefasst als Embodiment — stellen eine fundamentale Eigenschaft mentaler Prozesse dar. Die Ausweitung des Embodiment-Konzepts auf den sozialen Kontext betrifft die Art und Weise, wie Personen kommunizieren, und damit auch die soziale und therapeutische Interaktion zwischen Klient und Behandler im Rahmen der Psychotherapie.
Hier gewinnen folgende Fragen an Bedeutung: Gibt es zusätzlich zur verkörperten Psyche eine verkörperte Interaktion und Kommunikation? Wenn ja, was sind die daraus erwachsenden Implikationen für den Prozess der Psychotherapie? Die grundlegende Auffassung des Embodiment-Konzepts besteht darin, dass Körper und Psyche eng miteinander verschränkt sind.
Was besagt das? Ein illustratives Beispiel ist Folgendes: Fühlt man sich traurig oder depressiv, zeigt sich das im körperlichen und nonverbalen Ausdruck — der Oberkörper nimmt etwa eine nach vorn gebeugte Haltung ein, und die Art des Gehens verändert sich charakteristisch Adolph et al. Zu diesem gut bekannten Effekt des körpersprachlichen Ausdrucks gesellt sich jedoch ein Gegenstück: Wie Experimente zeigen, hat eine unauffällig durchgeführte Beeinflussung von Gangart und Haltung in Richtung eines traurigen Ausdrucks zur Folge, dass sich psychische Charakteristika von Traurigkeit einstellen Michalak et al.
Bidirektionalität geht jedoch weiter als nur bis zur Unterscheidung zweier Richtungen der Wirkungen zwischen Körper und Psyche. Man geht davon aus, dass es sich um eine zirkuläre Interaktion handelt, die fortwährend aktiv ist, ohne dass wir uns ihrer bewusst sein müssen. Wenn man sich beispielsweise abstrakt und kognitiv mit einem Problem befasst, werden zugleich muskuläre und viszerale Systeme, die mit dieser psychischen Aktivität korrespondieren, im Körper in Bereitschaft versetzt und aktiviert.
Die Embodiment-Theorie besagt also, dass es reine abstrakte Kognition allein nicht gibt Tschacher und Dauwalder ; wir befinden uns unbewusst stets im ideomotorischen Simulationsmodus. In der gegenwärtigen psychologischen und neurowissenschaftlichen Diskussion wird dies mit den Begriffen der enaktiven Kognition Varela et al. Im weiteren Verlauf des Verhaltens steht jegliche Diskrepanz zwischen den erwarteten und den tatsächlich einlaufenden sensorischen Daten im Zentrum — Verhaltensziel ist die kontinuierliche Reduktion dieser Diskrepanzen.
Wahrnehmung im Alltag beschränkt sich weitgehend auf die Wahrnehmung der Diskrepanzen, nicht der Welt an sich. Weiterhin bedeutet Embodiment, dass zugleich die Psyche verkörpert und der Körper psychisch bedeutsam ist.
Die therapeutische Allianz
In der deutschen Begrifflichkeit der Phänomenologie wurde daher auch die Unterscheidung zwischen Leib dem semantisch aufgeladenen Körper und Körper dem materiellen Körper eingeführt. Der Embodiment-Begriff besagt also allgemein, dass die Reziprozität und Verschränkung von Psyche und Körperlichkeit eine fundamentale Eigenschaft mentaler Prozesse darstellen.
Dieser Beitrag befasst sich aber mit Psychotherapie, also mit der sozialen Interaktion zwischen Personen, zwischen Klient und Therapeut. Folglich muss die Fragestellung erweitert und umformuliert werden: Gibt es zusätzlich zur verkörperten Psyche eine verkörperte Interaktion und Kommunikation? Was sind die daraus erwachsenden Implikationen für den Prozess der Psychotherapie?
Bedeutung der therapeutischen Allianz bestätigt
Die Ausweitung des Embodiment-Konzepts auf den sozialen Kontext betrifft die Art und Weise, wie Personen kommunizieren. Gibt es Kommunikation jenseits der Übermittlung von verbal kodierten Botschaften und Informationen? Ja, natürlich. Das weite oft populärpsychologische Feld der Körpersprache geht davon aus, dass jede Person umfangreiche Informationen über ihre psychische, emotionale und soziale Befindlichkeit über sprachliche Kanäle hinaus mitteilt und zugleich solche Information von Interaktionspartnern empfängt.
Diese und ähnliche Befunde hatten dennoch lange Zeit wenig Einfluss auf die akademische Psychotherapieforschung. Die ökologische Psychologie und Sozialpsychologie sind Disziplinen, die als erste das Embodiment der sozialen Interaktion systematisch untersuchten. Ihnen folgte die soziale Neurowissenschaft. Bekannt wurden Zufallsbefunde: Bei Untersuchungen des motorischen Kortex von Affen zeigte sich, dass Motorneuronen, die aktiviert sein sollten, sobald ein Versuchstier ein Objekt ergreifen würde, auch dann aktiv wurden, wenn das Tier solches Ergreifen durch andere lediglich beobachtete Rizzolatti et al.
Damit war offenbar ein neuronales Korrelat des sozialen Mitempfindens beschrieben. Wenn ein Gruppenmitglied zu lachen oder zu gähnen beginnt, tendieren die anderen dazu nachzufolgen. Die oft explosive Verbreitung von Modeerscheinungen, von sprachlichen Jargons, körpersprachlichen Manierismen oder von Gerüchten zeigt dieselben Charakteristika. Diese unterschiedlichen Phänomene ereignen sich auf unterschiedlichen Zeitskalen s.
Allgemein lässt sich festhalten, dass eine analoge Tendenz zur Angleichung des Verhaltens in sozialen und gesellschaftlichen Kontexten besteht, wobei Körper und Psyche von interagierenden Individuen sich spontan synchronisieren, in einer Weise, die sich dem bewussten Willen der so Synchronisierten oft entzieht Abb.
In den vergangenen Jahren hat sich auf dieser Basis ein neues Feld der psychologischen Forschung entwickelt, das die Synchronie des Verhaltens explizit in den Mittelpunkt stellt. Synchronie wird dann als vorhanden angesehen, wenn das Verhalten positiv oder negativ korreliert ist und diese Korrelation überzufällig und damit signifikant ist.
Personen in Gesprächen synchronisieren sich etwa in der Regel hinsichtlich ihrer Körperbewegungen, was auf koordinierte Wechsel in Körperhaltung, Sitzpositionen, Gesten, Gesichtsausdruck und Kopfbewegungen zurückgeführt werden kann. Hohe Bewegungssynchronie war in einer Studie an nichttherapeutischen Konversationen mit positivem Affekt der Beteiligten assoziiert Tschacher et al.
Es ist ein Befund zahlreicher weiterer sozialpsychologischer Experimente der vergangenen beiden Jahrzehnte, dass körperlich-motorische Angleichung mit prosozialen Effekten einhergeht Chartrand und Bargh Die periphere Physiologie des autonomen Nervensystems von Individuen korrespondiert eng mit emotionalen und verhaltensvorbereitenden Tendenzen.
Der sympathische Zweig des autonomen Nervensystems ist aktiv bei Kampf-Flucht-Situationen und bei Stressreaktionen, der parasympathische Zweig bei Entspannung und in Regenerationsphasen. Deshalb eröffnen physiologische Variablen interagierender Personen weitere Möglichkeiten, die soziale Kopplung als Synchronie zu untersuchen Meier und Tschacher Zunehmend erweist sich nonverbale Synchronie als ubiquitäres Phänomen, das die verkörperte Interaktion und Kommunikation kennzeichnet.
Dies ist bereits für sich genommen interessant, da sich darin zeigt, dass sozialen Systemen eine Tendenz zur Musterbildung inhärent ist. Musterbildung findet sich allgemein in offenen komplexen Systemen, wie die Selbstorganisationswissenschaft bzw. Aus Sicht der Selbstorganisationstheorie ist soziale Interaktion ein systemisch-emergentes Geschehen: Durch Interaktion entsteht ein Mehrebenensystem, dessen Mikroebene die vielen Zustände und Eigenschaften der kommunizierenden Individuen umfasst; daraus formiert sich ein neues soziales System, also eine Makroebene.
Die motivationalen Bedingungen, unter denen der Zusammenschluss zum Interaktionssystem erfolgt, entfalten eine antreibende Wirkung, woraus stabile interaktionelle Muster emergieren. Es folgt unmittelbar, dass die entstehenden Muster nicht solche sind, die individueller, linearer Kontrolle unterstehen würden. Das Selbstorganisationsszenario ist daher nicht vereinbar mit klassischen Sender-Empfänger-Theorien: Interaktion entsteht emergent im sich neu formierenden sozialen System.
Kommunikation kann am besten als eine Form von Synchronie zwischen den Interaktanten, also als ein Phänomen der Selbstorganisation, verstanden werden Storch und Tschacher Die Wirksamkeit von Psychotherapie insgesamt gilt als empirisch gesichert. Anders als noch zu Beginn der systematischen Psychotherapieforschung in den er-Jahren ist dies heute eine allgemein geteilte Auffassung.
therapeutische Allianz
Dagegen wird die Frage, wodurch diese Wirkung erzielt wird, kontrovers diskutiert. Die Kontroverse besteht in unterschiedlichen Interpretationen der heterogenen Ergebnisse der vergleichenden Psychotherapieforschung Pfammatter und Tschacher Die eine Seite geht von unterschiedlicher Wirksamkeit der verschiedenen Psychotherapieverfahren und -techniken aus, weshalb zur Behandlung spezifischer psychischer Störungen nur spezifische, empirisch fundierte Verfahren eingesetzt werden sollten.
Ein Beispiel für eine solche Technik ist die Reizexposition der behavioristischen Verhaltenstherapie, die als spezifisch wirksam für die Behandlung von Angst- und Zwangsstörungen gilt. Für sie steht fest, dass unterschiedliche Psychotherapiemethoden im Wesentlichen gleich wirksam sind. Tatsächlich erklären allgemeine Wirkfaktoren insgesamt einen erheblichen Anteil des Erfolgs von Psychotherapien, wenn umfangreiche Metaanalysen ausgewertet werden.
Allgemeine Wirkfaktoren sind beispielsweise eine ausgeprägte therapeutische Allianz und die Aktivierung von Ressourcen des Klienten Grawe Die Allianz besteht aus verschiedenen Komponenten, insbesondere Zielübereinstimmung Therapeut und Klient haben gemeinsame Ziele , wechselseitiger Sympathie positiver Affekt und Empathie des Therapeuten Meier et al.
Klienten sympathisieren mit ihren Therapeuten, wenn sie sich verstanden fühlen, also wenn Therapeuten Akzeptanz und Empathie zeigen. Es ist naheliegend, die Kontroversen der Psychotherapieforschung zu beheben, indem man beiden Seiten Recht gibt, da sowohl die Vertreter der spezifischen als auch der unspezifischen Wirkungsweise empirische Befunde anführen können.
Das ist teilweise bereits geschehen. Castonguay und Beutler sowie Castonguay et al. Auch rückten die Zusammenhänge von Techniken mit weiteren allgemeinen Wirkfaktoren in den Fokus Tschacher et al. Gerade körperorientierte Therapietechniken wie progressive Muskelentspannung oder Biofeedback-Training wurden gar als die Umsetzung der untersuchten Wirkfaktoren behindernde Techniken eingestuft, im Widerspruch zur nachgewiesenen Wirksamkeit körperorientierter Therapietechniken und zur wachsenden Bedeutung des Aspekts von Embodiment in der Psychotherapie.
Solche Befunde müssen als Indiz dafür gewertet werden, dass die bisher in der Literatur beschriebenen allgemeinen Wirkfaktoren nicht das ganze Spektrum therapeutischer Wirkprozesse abdecken. Körperliche Variablen sind weithin noch nicht in den etablierten Wirkfaktoren der Psychotherapieforschung angekommen.
Synchronie als zeitlich koordiniertes Verhalten von Interagierenden wird durch die Analyse der Kopplung von Zeitreihen, die das Verhalten repräsentieren, nachgewiesen. Ein weiterer methodologisch günstiger Umstand ist, dass diese Variablen, insbesondere verglichen mit Einschätzskalen, günstige Skalenniveaus besitzen und daher auch komplexe statistische Zeitreihenanalysen zulassen.
Nonverbale Synchronie auf der Basis der Motorik von Therapeuten und Klienten konnte in umfangreichen Stichproben nachgewiesen werden. In kognitiver Verhaltenstherapie synchronisierten sich Klienten mit sicherem Bindungsstil und höherer Selbstwirksamkeit stärker mit ihren Therapeuten als unsicher gebundene Klienten Ramseyer und Tschacher ; Schoenherr et al. Altmann et al. Für beide Therapieformen war höhere Synchronie im Therapieverlauf ein Prädiktor für geringere Ausprägung interpersoneller Probleme der Klienten bei Therapieende; in psychodynamischen Therapien zeigte sich ein höherer Zusammenhang zwischen Synchronie und der therapeutischen Allianz.
Die Bewegungssynchronie in Mehrpersonen-Paartherapien mit zwei anwesenden Therapeuten war ebenfalls signifikant gegeben und ergab ein komplexes Bild an Zusammenhängen zwischen Allianz-Ratings und der Synchronie des Paares Nyman-Salonen et al. Eine zunehmende Zahl von Studien untersucht Psychotherapieprozesse über die physiologische Synchronie Kleinbub et al.
Die Datenerhebung kann auf Hautleitfähigkeit und somit die sympathische Aktivierung fokussieren Karvonen et al.