Psychologie.de unschuldslamm
Pocket Es gibt nicht wenige Gelehrte, die annehmen, das geheime Zentrum der Religionen sei das Opfer. Der Totemismus sei die Urform aller Religionen, vertrat der französische Soziologe Emile Durkheim in seinem erschienenen Buch "Die elementaren Formen des religiösen Lebens". Das Totem war das Wappentier eines Clans, es galt der Sippe als "heilig" im ursprünglichen Sinne von unberührbar, ausgesondert, tabu.
Wer das Tier tötete, mordete den Clan. Das Totemtier als gottähnliches Wesen forderte vom Clan zivilisatorische Verhaltensregeln, damit das Zusammenleben der Menschen nicht in Gewalt endete. Diese Rituale, glaubt Durkheim, befähigten unsere Vorfahren, Urformen von Moral und Recht zu entwickeln.
Die Hominiden in der afrikanischen Steppe waren selbst jahrtausendelang Opfer von wilden Bestien - von dieser These geht die US-Publizistin Barbara Ehrenreich in ihrem Buch "Blutrituale" aus. Ständig waren die Vormenschen auf der Flucht vor gefährlichen Löwen, Hyänen oder Säbelzahntigern.
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Um die Gruppe zu retten, kamen sie irgendwann auf die Idee, einen der ihren zu opfern: einer für alle. Die unangenehme Erfahrung, nur ein leckerer Happen zu sein, ist wohl die Ursache für die menschliche Angewohnheit, Gewalt zu sakralisieren und das Blutopfer zu heiligen. Verständlicherweise fanden es schon die Urmenschen nicht so attraktiv, als Mittagessen eines Säbelzahntigers zu dienen.
Abzulesen ist diese revolutionäre Wende in der Änderung der religiösen Kulte vom Menschenopfer zum Tieropfer. Damit feierten die Menschen ihren Sieg über die Tiere. Tieropferkulte finden sich in fast allen Kulturen, ob bei den alten Ägyptern, Hebräern, Griechen, Persern, Römern oder anderen. Das Opfer wird zur Verhinderung von Gewalt getötet.
Doch sein Leiden, seine brutale Instrumentalisierung, sein Tod kann damit nicht ungeschehen gemacht werden. Gegen seinen eigenen Willen heiligt es die Gewalt und sorgt für deren Tradierung. Das Opfer schafft weitere Opfer, der Gewaltzyklus setzt sich fort. Fleischhungrige Priester dürfen weiter Messer wetzen. Übrig bleiben ein Haufen Knochen, jede Menge Schuldgefühle und tiefe Angst vor der Rache der Opfer.
Vor ihrem Auszug aus Ägypten praktizierten auch die alten Hebräer das Menschenopfer. Ihr Gott fordert sie an mehreren Stellen des Alten Testamentes dazu auf. Abraham, verlangt er, solle seinen geliebten Erstgeborenen Isaak opfern. Erst als dieser das Messer am Hals des Sohnes ansetzt, schiebt ihm Gott ein Opfertier unter.
Nun dürfen es Tiere sein, und sie können auch als "Sündenböcke" in die Wüste gejagt werden. Noch später ersetzt das Gesetz das Opfer, wenn auch leider nicht konsequent. Die religiöse Pflicht zu täglichen Gebeten, guten Werken und dem Studium der Tora werden zu symbolischen Ersatzhandlungen für das Opfer. Zuerst Tieropfer anstelle von Menschenopfern, dann Rituale anstelle von Tieropfern: Das sind eindeutige Fortschritte in der Menschheitsgeschichte.
Aber das Christentum setzt das Menschenopfer wieder neu in Szene. Der Sündenbock wird zum Lamm Gottes, das am Kreuz alle Sünden auf sich nimmt. Und wer im gemeinsamen Abendmahl von Christi Leib kostet und von seinem Blut trinkt, der ist - nein, kein Kannibale, sondern von allen Sünden erlöst. Der Psychoanalytiker Ernst Simmel kommentierte, ich zitiere: "Das Christentum führte symbolisch die Totemfeste der Urzeit wieder ein.
Diesmal ist er nicht der Sohn Sarahs, sondern der von Abrahams zweiter Frau Hagar, und er ist mit seiner Opferung sogar einverstanden. An die heldenhafte Opferbereitschaft dieser beiden, sagen islamische Gläubige, erinnere noch heute das Opferfest zum Ende der alljährlichen Pilgerfahrt nach Mekka. Jeder gute Moslem ist verpflichtet, an diesem Tag ein Tier zu opfern und das Fleisch mit Verwandten und Bekannten zu teilen.
Saddam Hussein wurde am Morgengrauen des Opferfestes gehängt. Bei den Schiiten wird das Opfern durch eine weitere Geschichte geheiligt: Hussein, der Enkel des Propheten Mohammed, wurde im Jahre in der Ebene der heutigen irakischen Stadt Kerbela von der Armee des Tyrannen Yazid mitsamt seinen letzten Gefolgsleuten niedergemetzelt.
Dem sunnitischen Islam ist diese Idee von Selbstopfer und Erlösung jedoch fremd. Diese Glaubensrichtung wird in den arabischen Staaten, Afghanistan, Pakistan oder Palästina praktiziert. Dass heute schiitische wie sunnitische Selbstmordattentäter zum Menschenopfer zurückkehren, ist eine makabre Pointe der Weltgeschichte, mit verursacht durch moderne Medien und Internet, die aller Welt dieses vermeintliche Heldentum verkünden.
Mit egomanischer Selbstherrlichkeit fordern die Suizidbomber die Krieger der westlichen Welt heraus. Der heroische Männlichkeitswahn in den islamischen Staaten und der popheroische in den christlichen USA schaukeln sich gegenseitig hoch. Der bekannte US-Kommentator Thomas Friedman schrieb in der "New York Times", ich zitiere: "Unter radikalen Muslimen hatte sich der Glaube breit gemacht, dass sich das Machtgefälle zwischen der arabischen Welt und dem Westen durch Selbstmordattentate ausgleichen lässt, weil wir [ also die Amerikaner] verweichlicht seien und ihre Leute bereit zu sterben.
Diese Blase konnte man nur zerstechen, indem amerikanische Soldaten ins Herz dieser Welt vordrangen, von Haus zu Haus, und klarmachten, dass wir bereit sind, zu töten und zu sterben.
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Das Ergebnis ist heute im Irak zu besichtigen. Dass Selbstmordattentäter in bestimmten Kreisen als Helden gelten, macht die Gefährlichkeit von Opferkulten deutlich. Suizidbomber schwingen sich auf zu Gottgleichen, die das Recht haben, das Leben anderer Menschen zu beenden. Inzwischen sprengen sich sogar ältere Frauen in die Luft; so geschehen etwa im November in Palästina. Die Gefolgsleute Osama bin Ladens hatten mit diesem Sonderangebot an jungfräulichen Bräuten arabische Freiwillige in den achtziger Jahren in den Afghanistankrieg gelockt, heute ist es der Irakkrieg.
Aber Selbstmordattentäter und Menschenopferer sind wahrlich kein rein islamistisches Phänomen. Wir kennen die japanischen Kamikazeflieger oder die Suizidkämpfer der Tamil Tigers in Sri Lanka. Auch hierzulande wollten selbsternannte Rächer der Enterbten mit echten Eierhandgranaten am Sprengstoffgürtel ihre vermeintliche Männlichkeit beweisen: die Amokläufer von Erfurt und Emsdetten.
Dazu passend ist es in vielen Cliquen von Jungmachos Mode geworden, vermeintliche Schwächlinge als "Du Opfer! Mancher Kommentator hat schon darüber gesonnen, wie das mit unserer heutigen Anerkennungskultur gegenüber Kriegs- oder Diskriminierungsopfern zusammenpasst. Aber die Jungs scheren sich nicht darum, dass es eben nicht zusammenpasst.
Sie gehen einer uralten Lust am Verhöhnen, Verspotten und Drangsalieren von Schwächeren nach. Dahinter steckt oft der Versuch, Minderwertigkeitskomplexe und Ängste vor sozialer Entwertung abzuwehren. Viele Täter waren früher selbst Opfer. Was nichts entschuldigt, aber viel erklärt. Männer, die als kleine Jungen geschlagen, gedemütigt und beschämt wurden, werden als Erwachsene oft selbst zu Tätern.
Sie orientieren sich an den gewalttätigen Männern in ihrer Familie, die ihnen vormachen, dass sich Männlichkeit durch rabiate Durchsetzungsfähigkeit und das Niedermachen eigener Ängste definiert. Frauen, die als kleine Mädchen verprügelt, verhöhnt oder gar sexuell missbraucht wurden, schaffen es hingegen oftmals nicht, jemals aus der Opferrolle herauszukommen.
Sie haben keine weiblichen Rollenvorbilder, die ihnen zeigen, wie das gehen könnte. Nicht selten geraten sie als Erwachsene an gewalttätige Männer und erleben einen tragischen Wiederholungszwang. Noch einmal zurück zum christlichen Menschenopfer. Wenn ich tagtäglich vor einem schmerzverzerrt leidenden und blutenden Christus niederknie, der auch für mich gestorben ist, fühle ich mich tief in Gottes Schuld.
Unschuldslamm kommt ungeschoren davon
Tief ist auch meine Angst, Gott werde sich für den Verlust seines einzigen Sohnes womöglich rächen. Diese Gefühle, bewusst oder verdrängt, sind der Strick, mit dem Kirchenführer Gläubige an sich zu binden versuchen. Je unschuldiger Jesus, der Opferheld, das Unschuldslamm, in seiner Heiligkeit aufleuchtet, desto schuldiger fühle ich mich.
Deshalb haben christliche Gläubige immer wieder Schuldige gesucht, auf die sie ihre unerträglichen Schuldgefühle projizieren konnten, und sie fanden die Juden als Christusmörder. Schon Paulus verkündete in der Bibel: "Die Juden haben den Herrn Jesus getötet Zum zweiten: dass man ihre Häuser desgleichen verbrenne und zerstöre Und der zynische Machtmensch Hitler hat genau gespürt, wie er die Schuldgefühle der Deutschen, die sie wegen der Millionen von Toten im Ersten Weltkrieg empfanden, für neue Verbrechen ausnutzen konnte.
Kriminologen kennen das Phänomen, dass Verbrecher immer neue Verbrechen begehen, wenn sie unfähig sind, sich Schuld- und Schamgefühlen zu stellen. Die Deutschen verstrickten sich in der Nazizeit immer tiefer in Untaten, sodass am Ende kaum jemand mehr ohne Schuld blieb. Schuldgefühle können mörderisch sein. Sie lassen eine Täter-Opfer-Täter-Kette entstehen: Man opfert sich, um die eigene Täterschaft zu verstecken.
Pokermiene und Unschuldslamm
Auch heute kommen die christlichen Kirchen offenbar nicht ohne Opferkitsch aus. Der Limburger Alt-Bischof Franz Kamphaus schrieb in einem Artikel für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", ich zitiere: "Leben ist Wie der schöpferische Aufbau die Zerstörung des Alten erfordert, so muss Lebendiges geopfert werden, um das Leben zu erhalten.
Aus dieser Perspektive lässt sich Gewalt schlechterdings nicht aus der Welt wegdenken. Eine Moral, die Gewalt grundsätzlich und ausnahmslos verwirft und darum auch Blutopfer verurteilt, hätte darin keinen Platz. Sie gefährdete geradezu den Bestand der Welt. Dabei kommt es ihm nicht in den Sinn, dass Menschen nicht gezwungen werden, Tiere zu schlachten und zu essen. Im Gegenteil könnte man ja meinen, dass die "Ehrfurcht vor dem Leben", die der Christ Albert Schweitzer predigte, auch eine Aufforderung zu vegetarischer Ernährung sein könnte.
Aber Bischof Kamphaus hält das Blutopfer offenbar für eine Essenz des Christentums und ist nicht gewillt, Gewaltlosigkeit höher zu stellen als archaische Gewalt. Zwar verneint er die These, dass die Christen das Menschenopfer wiederbelebt hätten. Nicht Menschen würden Gott geopfert, schreibt er, sondern umgekehrt habe sich Gott in Gestalt seines Sohnes den Menschen geopfert.
Aber weil die Schuld für diesen göttlichen Opfertod, die menschliche Täterschaft, nur durch weitere Opfer tilgbar ist, preist der Kirchenmann die "Opferbereitschaft" und, ich zitiere, den "Opfersinn als Sinn für die Notwendigkeit, im Dienst am Nächsten und der Gemeinschaft notfalls selbst das eigene Leben einzusetzen.
Und der Psychologe Volker Dittmar schreibt auf seiner Website unter dem Titel "Erbsünde und stellvertretendes Opfer", ich zitiere: "Jesus hat sich nicht für unsere Sünden geopfert, sondern für die allgemeine Schlechtigkeit der Welt, für die wir nichts können. Dafür ist - letztlich - Gott verantwortlich, also hat Gott sich selbst für seine eigene Schuld geopfert. Dass Gott einmal erfahren hat, wie es ist, als Mensch zu leben und zu sterben, erscheint mir [ Auch und gerade bei Tätern gibt es so etwas wie Opfersucht, und dafür ist mein eigener Vater das beste Beispiel.
Als NSDAP-, SA- und SS-Mitglied häufte er immer neue Schuld auf, die er nie wieder los wurde, weil er sich im und nach dem Krieg seinem eigenen Gewissen nicht stellte. Um sich nicht als Täter sehen zu müssen, stellte er sich als Opfer dar. Er forderte von anderen Erlösung ein, von der Kirche, von der Politik, er verlangte den Freispruch seiner Generation, die sich nach seinen Worten "für Deutschland geopfert" habe.
Er versuchte, nicht nur seine individuelle Schuld, sondern die Schuld seiner Generation in einem grandiosen letzten Opferakt auszulöschen. Ich gebe gerne zu, dass meine grenzenlose Abneigung gegen Opfergehabe und Märtyrergetue hierin seinen Ursprung hat. Dass Männer sich "fürs Vaterland" oder andere idiotische Ideen opfern, ist allerdings ein Topos, der lange vor der Hitlerei erfunden wurde.