Gefängnis-psychologe
Gut recherchiert, persönlich erzählt — das ist die Reportage von Deutschlandfunk Kultur. Erlebbar, weil nah dran. Überraschend, unterhaltend, informativ. Dieser Beitrag wurde erstmals am Oktober gesendet. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche, jeden Freitag direkt in Ihr E-Mail-Postfach. Falls Sie keine Bestätigungs-Mail für Ihre Registrierung in Ihrem Posteingang sehen, prüfen Sie bitte Ihren Spam-Ordner.
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Sie sind bereits zu diesem Newsletter angemeldet. Leben Psychologie Archiv Gefängnispsychologin im Männervollzug Unter Straftätern Minuten. Twitter Facebook Email Pocket Audio herunterladen. Gewaltdelikte sind das Fachgebiet der Psychologin Amelie Festag. In der Justizvollzugsanstalt Berlin-Moabit entscheidet sie über Hafterleichterungen für Schwerkriminelle.
Festag würde sie gerne öfter befürworten. Aber dann zeigt sich: Der Schein trügt. Aus dem Podcast Die Reportage. Podcast abonnieren Gut recherchiert, persönlich erzählt — das ist die Reportage von Deutschlandfunk Kultur. Beitrag Sendung Apple Podcasts Google Podcasts Spotify RSS Feed. Amelie Festag durchquert den engen Eingangsbereich der Untersuchungshaftanstalt Moabit.
Die Psychologin, blonde glatte Haare, hellblaue Augen, führt durch einen langen, gelb gestrichenen Flur mit massiven Metalltüren. Den Weg, den auch Gefangene das erste Mal gehen, sollten sie ins Haus eins kommen. Am Ende des Flurs eine hohe kuppelförmige Halle. Das Zentrum der JVA. Strahlenförmig gehen lange Gänge mit Hafträumen von der Halle ab.
Zwischen den Gängen führen Metalltreppen bis in die vierte Etage. Inhaftierte mit blauer Arbeitskleidung und Putzeimern sind unterwegs, Beamte in Uniform führen eine Gruppe Männer die Treppen hinunter. Ein Stockwerk tiefer ist der Bereich für die Anwälte. Wenn man keine Maske aufhat, ist der stärkste Eindruck hier meistens, dass es so nach Zahnarzt riecht, denn hier direkt vor uns ist die sehr gut frequentierte Zahnarztpraxis.
Denn so lange man stumm durch die Gegend läuft, wird häufiger gepfiffen oder geschnalzt. Denn Frauen bekommen die Inhaftierten hier im Männervollzug nur selten zu sehen. Erst seit Anfang der 90er-Jahre ist es überhaupt üblich, dass auch Frauen im Vollzug arbeiten. Bis heute sind sie immer noch in der Minderheit.
Nur etwa 20 Prozent der Angestellten hier in Moabit sind weiblich. Viele von ihnen arbeiten als Sozialarbeiterinnen oder wie Amelie Festag im psychologischen Dienst. Im Flur der Einweisungsabteilung EWA holt Festag ihr Funkgerät aus einem gesicherten Schrank und schaltet es ein. Hier kommen die Alarme an.
Das ist für mich nicht unbedingt relevant, bewegen darf ich mich im Alarmfall sowieso nicht. Aber es gab einen Tag, an dem ich vergessen habe, mir diese Funke zu holen. Dann hatte ich ein Gespräch mit jemanden, der ein ganz ekelhaftes Delikt hatte und der sich total aufgeregt hat. Und der stand dann so aufgestützt auf diesem Tisch drauf und schrie. Da dachte ich: Okay, hätte ich jetzt die Funke, dann würde ich auslösen.
Die Männer, mit denen die Jährige zu tun hat, sind bereits verurteilte Straftäter. Sie haben die U-Haft hinter sich und kommen jetzt in den normalen Strafvollzug. Aber Strafvollzug ist nicht gleich Strafvollzug. Wie es genau weitergeht mit den einzelnen Insassen, darüber entscheiden Amelie Festag und die sogenannte EWA, die Einweisungsabteilung.
Und sie treffen schwierige Entscheidungen: Kann ein Inhaftierter vorzeitig entlassen werden? Und wird er im offenen oder geschlossenen Vollzug untergebracht? Warum hat dieser Mann zu diesem Zeitpunkt das gemacht, was er gemacht hat, und nicht etwas anderes? Alle wollen in den offenen Vollzug, doch nicht jeder ist dafür geeignet. Um das herauszufinden, haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der EWA wenig Zeit.
Jeden Tag kommen rund zehn neue Insassen in die JVA und die verurteilten Männer müssen schnell verlegt werden. Festag hat ein straffes Tagesprogramm, muss genau und konzentriert arbeiten und darf nichts übersehen. Seit vier Jahren ist sie in Moabit. Angefangen hat alles mit einem Praktikum während des Studiums. Natürlich ist es auch einfach spannend, sich mit Kriminologie zu befassen.
Ihr Büro liegt im Erdgeschoss der JVA. Vom grauen Behördenschrank hangelt sich eine gut gepflegte Kletterpflanze herunter, in der Ecke neben dem Schreibtisch hängen Postkarten mit Kunstdrucken. Das vergitterte Fenster und die Tür sind geöffnet. So arbeitet sie am liebsten, sagt Festag, lässt sich auf ihren Schreibtischstuhl fallen und fängt an, in einer dicken Akte zu blättern.
Berufsbild: Psychologischer Dienst (PsychD)
Der ist das erste Mal in Haft, Jahrgang 93, er hat eine lange Strafe bekommen, weil eine sehr, sehr hohe Summe erbeutet wurde. Der Häftling Philipp Lewinski hat rund Sein wirklicher Name ist anders. Die sollten dann alles, was sie hatten, aus dem Tresor nehmen. Unser Inhaftierter ist dann teilweise auch in die Wohnung reingegangen, um das einzupacken. Eine Etage weiter oben sitzt Philipp Lewinski in seinem Haftraum.
Auffällige Tattoos auf Armen und Hals. Lewinski ist nervös, er wartet auf das Gespräch mit Amelie Festag. In den nächsten Tagen entscheidet sich, wie er die nächsten sechs Jahre seiner Haftzeit verbringen wird. Er steckt sich eine Zigarette an, versucht in Worte zu fassen, was vor dem Gespräch mit der Psychologin in ihm vorgeht. Aus dem kleinen Fernseher vor dem Bett kommt Musik. Lewinski zögert kurz, drückt seine Zigarette aus.
Ich habe einen Arbeitsvertrag, also ich kann raus und sofort wieder in meinem gelernten Beruf arbeiten. Was für mich halt das Schlimmste wäre, ist das Gefängnis in Tegel. Es klopft an der Tür, das Mittagessen kommt. Essen will Lewinski aber erst später. Er wirkt offen und sympathisch. Immer wieder betont er, kein schlechter Mensch zu sein, sondern nur an die falschen Leute geraten zu sein.
Lewinski zeigt seine Fotos, die an einer Pinnwand über dem schmalen Bett hängen. Er ist ein Hundefreund. So mancher, der hier inhaftiert ist, ist dem Reiz des schnellen Geldes erlegen. Eine Stunde später im Flur der Einweisungsabteilung. Amelie Festag empfängt Philipp Lewinski für das Einweisungsgespräch. Vor ihr sitzt Lewinski an einem kleinen Tisch.
Er hat sich umgezogen. Ein schwarzer Kapuzenpullover verdeckt jetzt seine Tattoos. In den Händen hat er einen kleinen Notizblock. Amelie Festag beginnt: "Ich hatte ja beim letzten Gespräch schon gesagt, dass wir herausfinden wollen, warum Ihnen das passiert ist, warum Sie entschieden haben, dabei sein zu wollen. Erzählen Sie mir doch noch einmal, wie Sie dazu gekommen sind?
Lewinski versucht sich zu erklären. Es sei ihm alles gar nicht so klar gewesen. Dann hat man mir gesagt, die Alten würden ihr Geld rausgeben, aber längst nicht alles. Die hätten noch genug auf dem Konto. Lewinski windet sich etwas. Man muss ja trotzdem seine Kosten zahlen und auch so generell lebt man ja nicht von Luft und Liebe.
Psychologin bzw. Psychologe (m/w/d)
Amelie Festag macht sich Notizen mit ihrem roten Füller. Sie wirkt konzentriert und zugewandt, zwischendurch verschränkt sie ihre Hände, spielt mit einem kleinen Ring an ihrem Finger. Sie will wissen, wie er den Prozess erlebt hat. Aber im Laufe des Verfahrens wurde ich das erste Mal damit konfrontiert, was wirklich mit den Geschädigten passiert ist. Da war ich entsetzt und geschockt, dass ich ein Teil davon war, und es ist teilweise so, dass ich noch davon träume, wieviel Leid man denen zugefügt hat.